Eine Lehr-DVD mit Hans Heim und Alex Kiermayer

9. 9. 2010 – 13:00
Harald Winter

Eingefleischten Fans des historischen Fechtens sind natürlich die Videos von Agilitas TV ein Begriff. Wenn auch nicht ausnahmslos alle Werke von überzeugender Qualität sind, so gelten jedoch gerade die bisher erschienen zwei DVDs von und mit Hans Heim und Alex Kiermayer zu den absoluten Highlights.

Diese DVD stellt nun das dritte Werk der beiden hochrangigen Trainer der Schwertkampfgruppe Ochs (siehe Linkliste) dar. Hans Heim und Alex Kiermayer sind beide Meister in der Kunst des historischen Fechtens und diese DVD beweist es wieder einmal aufs Neue.

Zwei Tonspuren

Doch beginnen wir von vorne: Die vorliegende DVD ist leider abermals unwuchtig produziert, entweder ist das Label exzentrisch befestigt, oder aber der Rohling selbst war bereits schadhaft. Es ist für den Rezensenten bereits die dritte Erfahrung mit unwuchtigen DVDs von Agilitas, was beim Zusehen durch ein lautes Abspielgeräusch auf 4 unterschiedlichen Abspielgeräten (PS3, Toshiba DVD-Player, Samsung DVD-Player und LiteOn-DVD-Brenner) sehr störend zum Tragen kommt. Das Positive ist, dass Agilitas diese DVD abermals mit 2 Tonspuren produziert hat. Eine Tonspur mit Musik und eine ohne … Glauben Sie mir, geneigter Leser, wenn Sie einmal die DVD MIT Musik gesehen haben, Sie werden die Tonspur ohne Musik abgöttisch lieben!

Der Sprecher ist gewohnt gewöhnungsbedürftig für das österreichische Ohr. Trotz der sehr angenehmen Sprechstimme und der nahezu perfekten Aussprache fehlt es ihm leider immer noch am Wissen, wo die Betonungen in der Wichtigkeit des Satzes bzw. des Textes liegen. So wirkt manches holprig und über die Runden gerettet, was aber nicht weiter störend wirkt, sondern bestenfalls ein wenig belustigend.

Der Aufbau des Menüs bei Agilitas DVDs ist immer wieder neu, dieses Mal vermisst man eine Möglichkeit, sich einfach auf einen Knopfdruck alles ansehen zu können. Man muss sich mühsam durch die einzelnen Kapitel klicken. Das ist zwar eventuell nett beim zweiten, dritten oder 100. Mal ansehen, aber lästig beim ersten.

Staatsdiener mit Hingabe zum historischen Fechten

Doch kommen nun zum wichtigsten, dem Inhalt. Zuvor sollen die Inhaltgeber noch einmal näher vorgestellt werden. Hans Heim, bayrischer Staatsbeamter (ein Münchner im Himmel sozusagen) betreibt das historische Fechten seit mehr als zehn Jahren und ist eine absolute Galionsfigur in der weltweiten Szene der deutschen Schule. Auch sein Kollege Alexander Kiermayer ist als Polizist für den bayerischen Staat tätig. Vor allem ihre Arbeiten zu dem Werk von Johannes Lecküchners Messerfechtbuch sind geradezu bahnbrechend und ein absolutes Muss für alle, die diese Kunst erlernen wollen. Dieses Wissen und Können bringen sie ohne Wenn und Aber auch in diese DVD ein, und so ist es für jeden ein Gewinn, sich diese DVD anzusehen.

Ein Muss ist es allerdings auch, die vorangegangenen Videos der beiden zu kennen, da beim Drittwerk oftmals Bezug auf die vorigen Arbeiten genommen wird. Wer also mit dem „doppelten Schritt“, dem „Abnehmen“ (nein! keine Diät) oder Worten wie „Zufechten“, „Durchwechseln“ usw. nichts anfangen kann, sollte sich zuvor mit den Werken „Langes Schwert Teil 1“ und „Langes Messer Teil 1“ auseinander setzen. Es wird sein Schaden gewiss nicht sein.

Gedanken zur Produktion

Wenn man sich das erste Kapitel ansieht, so fallen einem sofort mehrere Dinge auf:

  1.  Wer Heim und Kiermayer nicht, so wie der Rezensent, 10 Jahre lang persönlich kennt, wird seine Schwierigkeiten beim Identifizieren der beiden Herren haben. Beide tragen stets Masken und beide haben orangefarbene Polos an. Dies ist sehr hinderlich, wenn der Sprecher sie nur mit dem Namen identifiziert, da sie noch dazu von der Statur her sehr ähnlich gewachsen sind. Hier hätte man eventuell an unterschiedliche Bekleidungen denken können.
  2. Das Studio von Rudi Dembach ist nach wie vor zu klein fürs historische Fechten. 7×7 Meter können weniger sein als man denkt. Glaubt mir, ich weiß, wovon ich spreche.
  3. Die Worte „noch einmal“ liegen dem Regisseur immer noch zu leicht auf den Lippen.
  4. Hin und wieder sind choreographierte Abläufe sinnvoller für einen Lehrauftrag als freies Improvisieren, denn hin und wieder blieb es sogar dem im historischen Fechten sehr erfahrenen Rezensenten verborgen, was der Sinn an dieser oder jener Übung war.

Widmen wir uns nun den einzelnen Kapiteln. Diese DVD beinhaltet einige wenige Techniken abseits der Liechtenauer Tradition, einiges in Sachen Ringen am Schwert und viele, viele Trainingshinweise für Trainer und zukünftige Freifechter, sowie einen kurzen Abriss über die Verteidigung gegen mehr als einen Aggressor.

Kapitel 1 – Techniken abseits von Johannes Liechtenauer:

Die Interpretationen sind gelungen, wenn auch sehr eingeschränkt, da oft nur auf eine einzige Variante eingegangen wird, das aber sehr detailliert. Dieses Kapitel stellt eine nette Ergänzung für das Kampfrepertoire für den einen oder anderen Freikämpfer dar.

Kapitel 2 – Ring- und Entwaffnungstechniken:

Für mich persönlich der Highlight dieser DVD, zum einen, da Alex Kiermayer ein absoluter Meister der unbewaffneten Kunst ist und zum anderen, weil diese Techniken viel zu oft unter den Teppich gekehrt werden. Auch wenn ich persönlich die eine oder andere Entwaffnung anders ausgeführt hätte, so sind alle hier dargebrachten Versionen valide und gut erklärt.

Kapitel 3 – Trainingsmethoden:

Mit ziemlicher Wahrscheinlichkeit das Hauptkaufkriterium für die meisten Fechter. Heim und Kiermayer stellen hier etliche Varianten vor, wie man sich vom schnöden „Technikdrill“ zum Freifechter entwickelt. Ein Problem stellt hier lediglich die Trennung von Kapitel 4 dar…

Kapitel 4 – Freikampfmethoden:

Dieses gehört an sich untrennbar mit Kapitel 3 zusammen. Ich will hier nicht mit der Tür ins Haus fallen und euch verraten, dass am Ende von Titanic das blöde Schiff absäuft, aber so viel sei hier mal vorweggenommen: Hin und wieder ist es einfach sinnvoll, Choreographien zu erstellen wenn man etwas demonstrieren will. Und hin und wieder ist es auch sinnvoll, einen Drehtag früher zu beenden, denn gerade hier bei diesen wichtigen Kapiteln hat es den Anschein, als ob die Konzentration bereits am Abklingen gewesen ist. Nichts desto trotz, Kapitel 3 und 4 sind im Großen und Ganzen zum mit der Zunge schnalzen!

Kapitel 5 – Verteidigung gegen mehrere Angreifer:

Das ist wohl eher als Experiment gedacht gewesen, die hier gezeigten Varianten erinnern sehr an moderne Selbstverteidigungssysteme à la Krav Maga oder scheinen auch dem Jogo do Pau entliehen worden zu sein, mit dem stilechten historischen Fechten hat dieses Kapitel wenig zu tun. Aber auch hier gilt, es sind nette Variationen darin enthalten, die sicher für eine nette Abwechslung im Training sorgen.

Zwei Daumen hoch

Abschließend kann nur so viel gesagt werden: 2 von 2 Daumen hoch für dieses neue Werk von Agilitas TV. Diese DVD ist ein absolutes Muss für alle, die historisches Fechten erlernen wollen und auf der Suche nach Anregungen und Hinweisen sind. Der Rezensent spendet reichlich Handgeklapper und von meiner Seite brandet „Jubel“ auf. Weiter so!

Daten

Langes Schwert Teil 2
nach Johannes Liechtenauer und anderen Meistern
Bildseitenformat: 4:3 – 1.33:1
Ohne Altersbeschränkung
dembach mediaworks / Agilitas.tv
Erscheinungstermin: 6. Juli 2010
Spieldauer: 85 Minuten

Agilitas-TV: Das Lange Schwert, Teil 2