Aus den verschütteten Archiven der Stadt Köln

9. 12. 2009 – 7:30
Harald Winter

Unter dem Titel „Langes Schwert und Schweinespiess“ erschien beim Grazer Adeva Verlag eine Mischung aus wissenschaftlicher Bearbeitung und Faksimiledruck der historischen Schrift eines unbekannten Verfassers: Das Originalwerk W150 ist ein kleines Fechtbüchlein, das in den Trümmern des im März 2009 eingestürzten Kölner Stadtarchivs begraben wurde. Es zählt leider zu den Werken, die bisher nicht wieder gefunden wurden. Es stellt in vielerlei Hinsicht ein Unikat in Sachen Fechthandschriften dar. Einerseits durch die nicht definierbaren Zeichnungen, die scheinbar unwillkürlich in der Schrift verteilt sind, andererseits aufgrund der ungewöhnlichen Bezeichnung mancher Fechttechniken z.B. der Flogel, der Guldenhau, der Löwenhau. Der Aufbau selbst ist klassisch für diese Zeit. Einzig der Schweinespieß, als extra erwähnte Waffe, ist eine Rarität sondergleichen.

Sauggern ist nicht nur eine Ortschaft im Waldviertel, nein, es beschreibt auch das Papier mit dem das Buch gedruckt ist. Jeder Wassertropfen der sich in die Nähe des Buches verirrt, wird gnadenlos aufgesogen. Das Werk mit Softcovereinband umfasst 173 Seiten. Die Größe ist überschaubar und kann getrost als Taschenbuch bezeichnet werden. Leider ist das Drucklayout sehr unglücklich gewählt. Aufgrund des steifen Kleberückens lässt dich das Buch nur bedingt aufklappen und dank der zentrischen Textanbringung braucht man ab Seite dreißig schon teilweise Hydraulikpressen, um wirklich den Text auf den linken Seite wirklich problemlos lesen zu können. Ein Ausreißer bei einem sonst als hervorragend bekannten Verlag, von dem man mehr Umsicht erwartet hätte. Der Verlag selbst bestätigte diese Meinung dahingehend, dass man keine Softcover-Ausgaben dieser Art mehr machen wolle. Im vorliegenden Fall hätte man sich versuchsweise zu dieser Form entschieden, um das Original nachzuempfinden, das ebenso völlig ohne Einband vorlag. Ob man das hier gelten lassen kann, werden Käufer und Leser des Buchs zu entscheiden haben.

Nicht die Erstveröffentlichung

Das Buch wird vom Verlag als die erste wissenschaftliche Abhandlung zu diesem Werk „W 150 (Best. 7020)“ angepriesen. Diese Behauptung ist nur teilweise korrekt, denn der deutsche Verein „Pragmatische Schriftlichkeit e.V.“ hat bereits im Jahr 2004 ein solches „Büchlein“ verfasst. Diese frühere Ausgabe war zwar inhaltlich nicht so aufwendig wie das Werk von Herrn Bauer, mochte je nach Zielgruppe aber durchaus ausreichend für das Studium, vor allem jedoch preislich günstiger gewesen sein. Auch hierzu haben wir den zuständigen Lektor befragt. Dieser teilte der Redaktion mit, dass die Behauptung der „Erstveröffentlichung“ unglücklich gewählt sei, gemeint wäre die erste Ausgabe, die einen vollständigen Faksimiledruck enthält.

Vollständige Analyse

Der Vollständigkeit halber muss man aber dennoch sagen, das Büchlein der Pragmatischen Schriftlichkeit kann im Aufbau und in der Tiefe des Werkes nicht mit dem Werk des Adeva-Verlages mithalten. Vergleicht man allein die kodikologische Erfassung der beiden Werke so muss man erkennen, dass diese im vorliegenden Buch „Langes Schwert und Schweinespiess“ ausgezeichnet ausgearbeitet ist und die vom „Büchlein“ eher rudimentär und auf das Wesentliche beschränkt ist. Jedoch sind in beiden Werken alle notwendigen Informationen enthalten. Die Sprachanalyse ist ausführlich und gibt viele Aufschlüsse für die Abstammung der Schrift bzw. auch über die Problematik bei der Bestimmung des Sprachraumes. Sie ist für ein Fachpublikum sicher sehr interessant.

Ein gar seltsames Werk es ist

Das Originalwerk bietet eine Besonderheit: in ihm findet man nämlich eine Art Rezeptur für Metallbehandlungen. Dem Autor Matthias Bauer ist es dank seiner guten Verbindungen zu anderen Wissenschaften gelungen, Theorien über die Bedeutung des Rezeptes herzuleiten. Dieser Abschnitt ist ebenfalls ein nettes „Goody“. Lediglich die permanente Erwähnung des Fechtbuches Ms 3227a unter der Bezeichnung „Hanko Döbringers“ lässt eingefleischte Puristen die Adern am Hals anschwellen. Kommen wir jedoch nun zur Analyse des Fechtbuches an sich. Autor Bauer verweist hier mehrmals darauf, dass eine Tradierung des Fechtbuches nicht möglich ist, da es einerseits der liechtenauerschen Lehre widerspricht, andererseits aber Formulierungen davon verwendet.

Eigene Wege

Diese Behauptung für das Werk aufzustellen ist natürlich einfach, geht es doch gerade in Sachen Technikbezeichnungen sehr, sehr eigene Wege. Der Rezensent versteht es vielmehr so, dass der anonyme Autor sich der Tradition Liechtenauers sehr wohl bewusst war und sie auch teilweise in sein System adaptiert hat. Vielleicht aus Marketinggründen heraus, wollte er seine eigene Tradition etablieren und seltsame, neue Namen für so manche Technik gewählt. Wer weiß, was der tatsächliche Grund hierfür gewesen ist. Es sind bislang ja leider noch lange nicht alle Quellen des 15. und 16. Jahrhunderts erschlossen.

Gleiches gilt für das Ringen, wo der Autor Dr. Rainer Welle zitiert. Welle ist mit Sicherheit eine Autorität in Sachen „mittelalterliches Ringen“, schrieb er doch 1993 seine Dissertation darüber. Hier ist vor allem das vollständige Fehlen von Grundsatzlehren auffällig. Ist in anderen Quellen vieles über Körperhaltung und Schwerpunktverlagerung geschrieben, steht hier nur, „setz dich in wag“ (frei übernommen). Dennoch ist auch hier eine Einzigartigkeit zu finden: Die Beschreibung der Schwächen des Gegners (das Gemächt wird nicht erwähnt).

Das Highlight

Im Großen und Ganzen ist die Analyse der einzelnen Traktate vollständig und korrekt, womit wir nun zum absoluten Glanzstück des Buches kommen – den farbigen Originalscans des Buches. In dieser Hinsicht ist das Buch wahrlich eine „Erstausgabe“! Im Anschluss daran findet man die Transkription, also den eigentlichen Inhalt des Werkes. Diese ist inhaltlich natürlich akkurat, aber eben keine Neuheit, sondern wie erwähnt bereits seit 5 Jahren am freien Markt erhältlich.

Dryangel, Flogel, fousz, bossen…

Den Abschluss des Werkes bildet ein kleines etymologisches Wörterbuch. Dieses bietet für die meisten unüblichen bzw. unbekannten Wörter aus dem Frühneuhochdeutschen eine Übersetzung ins Hochdeutsche. Dieser Glossar macht das Lesen und Erarbeiten des Inhaltes für ungeübte Leser solcher Literatur in der Tat wesentlich einfacher.

An wen richtet sich das Werk?

Ob die Gruppe der historischen Fechter als primäre Zielgruppe ins Auge gefasst wurde, darf bezweifelt werden. Die Puristen dieser Gruppe haben die Transkription des Werks bereits seit Jahren zuhause. Somit werden wohl Perfektionisten und bibliophile Sammler angesprochen, aufgrund des Zusatzmaterials könnte auch die akademische Welt interessiert sein. Der für ein Paperback doch recht hoch angesetzte Preis von 34,90 Euro ist eine Hürde, die es zu überwinden gilt, noch dazu wo das Buch so überhaupt keine fechterische Anleitung bietet.

Conclusio

Das Buch ist ein gelungenes Werk, ob es einen Absatzmarkt findet, wird die Zeit zeigen. Die Analysen sind gut getroffen und gut formuliert. Die langfristige Haltbarkeit des Buches selbst ist wohl zweifelhaft, handelt es sich lediglich um ein geklebtes Softcover. Alles in allem kann ich mich als Rezensent persönlich weder für, noch gegen das Werk aussprechen, weil es für beide Entscheidungen genügend Gründe gibt.

Über den Autor

Matthias Johannes Bauer ist Sprachwissenschaftler (Magister artium) der deutschen Sprache und Gründer des Vereins der modernen Schwertkunst. Als solcher soll er in Deutschland mehr berüchtigt als berühmt sein, was aber eine andere Geschichte ist und zum Inhalt des Buches nichts zur Sache tut. Die Arbeit, die er hier mit diesem Buch geleistet hat, ist jedenfalls als gut zu bezeichnen. Nur die Behauptung der „Erstausgabe“ das trübt den Gesamteindruck – auch wenn er da wahrscheinlich nichts dafür kann.

Daten:

Langes Schwert und Schweinespieß
Autor: Matthias Johannes Bauer
Einzelpreis: 34,90 Euro
Erscheinungstermin: 2009
Broschur mit Wiedergabe des originalen Koperteinbandes.
ISBN-10: 3201019208
ISBN-13: 978-3201019200

Aus den verschütteten Beständen des Historischen Archivs der Stadt Köln
Bildteil: 40 S. Vierfarbreproduktion der Handschrift im Originalformat (14,5 x 10 cm).
Textteil: 72 Seiten kodikologischer, sprachhistorischer und inhaltlicher Kommentar
64 Seiten mit Textedition, Glossar und umfangreichem Literaturverzeichnis

Langes Schwert und Schweinespiess