Das Märchen vom Schwertkampfbuch

5. 1. 2010 – 10:30
Oliver Walter

Es war einmal, vor gar nicht allzu langer Zeit, das Volk der Xibis. Die Xibis waren lustige Gestalten, den Menschen nicht unähnlich, aber sie sprachen eine ganz andere Sprache, die kein Mensch je verstehen konnte. Die Xibis wohnten in einem fernen, fernen Tal jenseits des Berges Arl und führten ein pedantisches, aber beschauliches Leben.

Und unter den Xibis, da gab es einen, der hieß Herbertschmid, den alle nur Herbert nannten, was in der Sprache der Menschen so viel bedeutet wie Herbert. Dieser Herbert interessierte sich für Messer und Schwerter. Ganz besonders interessierte sich der Herbert dafür, und so fuhr er in die weite Welt hinaus, um alles in Erfahrung zu bringen, was mit Messern und Schwertern so zu tun hat. Und er suchte und er forschte, und wie er so suchte und forschte, da hatte es ihm etwas ganz besonders angetan: Das Kämpfen mit dem Schwert nach historischem Vorbild der deutschen Schule. Das gefiel dem Herbert so gut, dass er auf die höchsten Berge stieg und in die tiefsten Wälder ging, um immer mehr Quellen darüber zu finden.

Und als er genügend Quellen gefunden hatte, da stellte er sich wieder in sein Heimatdorf, und rief laut (in der Sprache der Xibis natürlich): „Ich weiß jetzt viel über das historische Fechten, aber ich möchte es auch ausprobieren“ – denn er hatte ja bis jetzt nur Bücher darüber gelesen. Da traten, zunächst zögernd, dann immer neugieriger und naseweiser, einige Xibis aus ihren kleinen Hütten, und gingen auf den Herbert zu, und sprachen „Ja, lass uns das gemeinsam ausprobieren“.

Und Herbert nahm die neugierigen Xibis und ging mit ihnen tief in den Wald, wo sie ihre eigene Lichtung hatten, und dort schmökerten sie gemeinsam in den Büchern, die Herbert gefunden hatte, und dann probierten sie all das, was darin geschrieben stand, selber aus, und es machte ihnen einen großen Spaß. Und sie wählten Herbert zu ihrem Häuptling, und er durfte von dem Zeitpunkt an einen wirklich dummen Hut tragen und ward geehrt und geschätzt. Und er nahm es sehr ernst mit dem historischen Fechten, und legte einen großen Eifer an den Tag.

Und eines Tages sprach Herbert zu seinen Xibis: „So lange üben wir nun schon das historische Fechten, und es ist eine so schöne Sache, und es gibt so wenige, die darin geübt sind, und die tun mir leid – darum habe ich beschlossen, ein Buch darüber zu schreiben, auf dass alle Xibis und auch alle Menschen an dieser schönen Kunst teilhaben können. Wollt ihr mir helfen?“ Und seine Xibis klatschten vor Begeisterung in die Hände, und hüpften vor Freude, und machten sich eilig ans Werk.

Und Herbert ging gewissenhaft an die Sache heran, und er entschied, dass das Buch eine Grundlage des Historischen Fechtens deutscher Schule sein solle, das Interessierten als Basis dienen solle, und er wollte sich nicht in Details und Unterschiede der verschiedensten Fechtmeister verstricken. Er wollte gute Fotos machen, die den Bewegungsablauf Schritt für Schritt erklären, und er wollte vor allem den Aufbau verständlich und logisch gestalten. Ja, er ging sogar so weit, dass er bei den meisten Bewegungsabläufen gesonderte Beschreibungen für die Bewegungen der Arme, der Beine und des Körpers aufschrieb, auf dass auch der ungeschickteste unter den Menschen die Möglichkeit habe, die Kunst zu erlernen.

Und Herbert und seine Xibis arbeiteten hart, und lange, und gewissenhaft. Und siehe da, nach einem Jahr harter, langer und gewissenhafter Arbeit ward das Büchlein fertig, geschrieben in der Sprache der Menschen, die Herbert mit ein bisschen Anstrengung auch sprechen konnte, und sie wollten ein großes Fest feiern. Und zu diesem großen Fest wollte Herbert, wie es so Brauch war in seinem Land, auch alle Geister des Waldes einladen, auf dass sie ihm gute Wünsche für sein Buch mitgeben würden. Doch leider hatte Herbert davor so angestrengt an seinem Büchlein gearbeitet, dass er einen Geist vergessen hatte, und diesen nicht einlud. Aber es kam so, dass auch dieser Geist erfuhr, dass das Fest stattfand, und dennoch zu diesem Fest erschien.

Und als das Fest dann seinen Höhepunkt erreicht hatte, da traten alle Geister der Reihe nach vor, und sprachen ihre guten Wünsche über das Buch.

Der erste Geist sprach: „Ich wünsche dem Buch einen genialen Aufbau und eine logisch strukturierte Kapitelaufteilung, auf dass alle wesentlichen Punkte ausführlich behandelt werden und nichts essenzielles ausgelassen werde“ – und so geschah es.

Und der zweite Geist sprach: „Ich wünsche dem Buch ein gutes Format, Mittelquart mit hartem Einband, auf dass das Buch nicht zu groß sei und gleichzeitig stabil, damit es zu jedem Training mitgenommen werden könne“ – und so geschah es.

Und der dritte Geist sprach: „Ich wünsche dem Buch gute, aussagekräftige Fotos, auf denen die Bewegungen gut erkennbar und nachvollziehbar seien “ – und so geschah es.

Und der vierte Geist sprach: „Ich wünsche dem Buch eine verständliche, einfache Sprache und einen umfangreichen Glossar, der alle Fachausdrücke erklärt“ – und so geschah es.

Und der fünfte Geist sprach: „Ich wünsche dem Buch Extrakapitel, die sich mit der Ausrüstung, dem Freikampf und Schnitttests mit scharfen Waffen befassen, denn dies gehört auch zum Historischen Fechten und fehlt in allen anderen Büchern“ – und so geschah es.

Und alle waren glücklich und froh und zufrieden, und bemerkten nicht, dass auch der sechste Geist anwesend war, der, den einzuladen Herbert vergessen hatte, und in einem unbeobachteten Moment trat dieser sechste Geist mit Bitterkeit über die Unfreundlichkeit des Gastgebers im Herzen zum Buch, und begann es zu verwünschen. Er wusste zwar, dass er die guten Wünsche seiner fünf Brüder nicht rückgängig machen konnte, aber er konnte sie modifizieren oder abschwächen, und so sprach er: „Aber ich wünsche dem Buch, dass die Fotos nur schwarz/weiß werden und Herbert und seine Xibis Gewänder tragen sollen, die äußerst unvorteilhaft für das Erkennen der Bewegung sind; und ich wünsche dem Buch dass auf den Fotos zu oft auf die Beinarbeit vergessen wird; und ich wünsche dem Buch, dass auf ein Stichwortverzeichnis vergessen wird; und ich wünsche dem Buch, dass die Bedeutung von Begriffen, die erst viel später erklärt werden, ohne Verweis auf die spätere Erklärung vorweg genommen werden; und ich …“

Aber in diesem Moment erkannten die fünf guten Geister ihren Bruder und seine bösen Wünsche, und zerrten ihn fort von dem Buch, und brachten ihn zum schweigen.

Und Herbert und seine Xibis sahen, was der böse Geist angerichtet hatte, und weinten bitterlich, aber die fünf guten Geister beruhigten ihn, und sagten ihm „Er wollte dein Buch zerstören, aber es ist ihm nicht gelungen, er hat es nur ein wenig in seiner makellosen Reinheit beschädigt“. Und damit Herbert ihnen glaubte, holten sie den berühmten Zauberspiegel hervor, und fragten ihn: „Spieglein, Spieglein, an der Wand, welches ist das beste Schwertkampfbuch im ganzen Land?“. Und der Zauberspiegel sprach: „Das Schwertkampfbuch von Herbertschmid ist das beste im ganzen Land, keine Frage, um Welten besser als das unsägliche Machwerk von Andreschulze, wenn ihr mich fragt. Aber es könnte noch um einiges besser sein …“

Und Herbert schniefte dankbar, und war froh, und er hatte auch allen Grund, stolz und froh zu sein. Und er nahm sich fest vor, wenn er das zweite Buch schreiben würde, dann würde er keinen Geist vergessen einzuladen. Und so begann er frohen Mutes, ein zweites Buch zu schreiben, und wenn er nicht gestorben ist, dann ist es vielleicht sogar schon erschienen und wird demnächst an dieser Stelle rezensiert.

Der unabhängige Rezensent kann sich der Meinung des Zauberspiegels nur anschließen. Das Buch ist, wenngleich es, wie im Artikel in Form der Flüche des bösen Geistes erwähnt, noch an Kinderkrankheiten leidet und demnach nicht „perfekt“ ist, dennoch das im Augenblick beste Buch auf dem deutschsprachigen Markt zum Thema Historisches Fechten Deutscher Schule. Für Anfänger wie mäßig Fortgeschrittene bestens geeignet, kann es, vor allem in Kombination mit der Agilitas-DVD „Langes Schwert für Anfänger“, die Grundlagen gut und leicht verständlich vermitteln. Trotz des mit € 39,80 nicht besonders wohlfeilen Preises für Einsteiger eine absolute Empfehlung.

Daten

Schwertkampf: Der Kampf mit dem langen Schwert nach der deutschen Schule

von Herbert Schmidt

Gebundene Ausgabe: 189 Seiten

Verlag: Wieland; Auflage: 1 (10. Dezember 2007)

Sprache: Deutsch

ISBN-10: 3938711191
ISBN-13: 978-3938711194

 

Schwertkampf – Band 1